FRANKFURT. Sieben Computer in einer Reihe an der Rückseite des Klassenzimmers, vorne eine Tafel, dazwischen Schulbänke. Der "Computerraum" wird auch für andere Fächer genutzt - während dieser Zeit ist er blockiert und in den Pausen ohnehin zugesperrt. Ohne Aufsicht der Lehrer dürfen die Schüler nicht hinein. Selbständiges Lernen am Computer ist nur an einem einzigen Rechner in der Bibliothek möglich - doch der ist nicht ans Internet angeschlossen. So wie im Frankfurter Carl-Schurz-Gymnasium sieht es, in vielen deutschen Schulen aus. 13 000 von 44 000 haben einen Internetzugang, schätzt die Initiative "Schulen ans Netz", die die Deutsche Telekom und das Bundesbildungsministerium ins Leben gerufen haben - doch dieser Zugang ist oftmals für den Rechner im Sekretariat reserviert.
Spitzenreiter in der Ausstattung mit Internet-Zugängen ist das Land Baden Württemberg. Dort haben 70 Prozent der Schulen einen Anschluss. In Hessen ist nur jede zweite Schule mit dem World Wide Web verbunden. Nordrhein-Westfalen will bis zum Jahr 2002 alle Schulen ans Netz angeschlossen haben. Wie viele Computer in den Klassenzimmern existieren, wissen selbst die Kultusministerien nicht so genau. Zahlreiche Firmen haben in den vergangenen Jahren Rechner gespendet manchmal waren sie älter und langsamer als die PCs bei den Schülern zu Hause. Für die Folgekosten, die Reparatur und Wartung verursachen, wurde keine Vorsorge getroffen. In manchen Schulen stehen daher heute Rechner, die in Unternehmen als Elektronikschrott entsorgt werden müssten. Doch das größte Versäumnis ist die mangelnde Qualifizierung der Lehrer.
Nach einer noch unveröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung nutzen lediglich 7,5 Prozent der Lehrer im Unterricht den Computer. Nur jeder vierte hat Grundkenntnisse im Umgang mit dem Internet. Die Lehramtsstudenten sind mit den neuen Medien zwar vertrauter: Für 98 Prozent der Referendare ist der Computer beim Anfertigen von schriftlichen Arbeiten ein selbstverständliches Werkzeug, 70 Prozent haben einen eigenen Rechner, knapp 80 Prozent surfen im Internet. Doch nur jeder achte künftige Lehrer fühlt sich durch die Hochschule ausreichend darauf vorbereitet, Computer eines Tages im Unterricht einzusetzen.
Viele Kultusministerien wollen das nun ändern. Der Nachwuchsmangel in den Berufen der Informationstechnologie hat deutlich gemacht, dass die Computerausstattung an Schulen und der Wissensstand der Lehrer nicht dem Niveau einer Industrienation entsprechen. So soll in Nordrhein-Westfalen bis zum Jahr 2002 die Hälfte aller Lehrer im Umgang mit Computern versiert sein. Das Land Hessen bildet mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds Berufsschullehrer fort, damit sie den Auszubildenden in den vier neuen Berufen der Informationstechnologie überhaupt etwas beibringen können. Denn jahrelang wurden zu wenig Informatik-Lehrer ausgebildet - das rächt sich jetzt. Fakultäten, an denen man Informatik gezielt für das Lehramt studieren kann, existieren keineswegs in jedem Bundesland. Das Ergebnis ist, dass es in manchen Kollegien keinen einzigen Pädagogen gibt, der Informatik studiert hat.
Doch auch die Geistes- oder Gesellschaftswissenschaftler sollten sich besser auskennen, fordert Ulrich Hoppe, Professor für angewandte Informatik an der Gerhard-Mercator-Universität in Duisburg, "Wer sorgt dafür, dass der angehende Französischlehrer seine Schüler bei Sprachlernprogrammen anleiten kann?" Er hält es für notwendig, Medienkunde systematisch in das Lehramtsstudium einzubauen. Denn mit nachträglichen Kursen lässt sich nicht allzu viel erreichen. Eine Lehrerfortbildung zum Gestalten von Internet-Seiten zum Beispiel dauert zwei bis drei Tage. Schüler beherrschen den Stoff innerhalb von drei Stunden - ein Lerntempo, bei dem sich kein Wissensvorsprung lange aufrecht erhalten lässt.
"Lehrer müssen damit umgehen, dass sich ihre Rolle verändert", meint Bernd Rüschoff, Professor für Technologie im Fremdsprachenlernen an der Universität Essen. Sie würden immer mehr zu "Moderatoren von Lernprozessen" oder "Lernberatern", je mehr die neuen Medien in die Schulen Einzug hielten. Denn die Rolle des Wissensvermittlers bröckelt. Eine Revolution in der Pädagogik kündigt sich an, die nur diejenigen Lehrer bestehen lässt, deren Autorität nicht leidet, wenn Schüler in Spezialgebieten Experten sind. Am Michaeli-Gymnasium in München zum Beispiel gibt es die Aktion "Teach your teacher". Versierte Schüler bringen hier ihren Lehrern den Umgang mit dem Computer bei - für beide Seiten eine Herausforderung.
Die Begeisterung der Schüler für die neuen Medien ist beinahe das Einzige, woran es nicht mangelt: "Alle Neuheiten der Kommunikationsbranche erreichen ja die Jugendlichen zuerst - ob Handys, SMS, Chatrooms oder Musikclips aus dem Internet", sagt Manfred Prenzel, Professor am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Christian-Albrechts Universität in Kiel. Doch die eifrige Nutzung der neuen Technologien führt eben nicht automatisch dazu, dass Schüler das Ziel entwickeln, sich beruflich deren Weiterentwicklung zu widmen. Denn dazu fehlt vielen das Rüstzeug in Mathematik und Physik, wie die TIMSS (Third International Maths and Science Study) gezeigt hat.
Ein ebenso schwerwiegender Grund für den Arbeitskräftemangel in der Informationstechnologie ist, dass das Fach Informatik an deutschen Schulen ein Schattendasein führt. Es wird in der Mittelstufe lediglich als Wahlpflichtfach unterrichtet und kommt nur für diejenigen Schüler in Frage die sich gegen eine dritte Fremdsprache entscheiden. Informatik in der Oberstufe ist unattraktiv, weil es nur in geringern Umfang in die Abitur-Wertung eingebracht werden kann. Von 54 500 Oberstufenschülern in Hessen haben gerade einmal 200 einen Leistungskurs Informatik gewählt.
Didaktiker bemängeln, dass pädagogische Konzepte fehlen, wie die Arbeit am Computer sinnvoll in den normalen Fachunterricht eingebaut werden kann. Dort sollen die Schüler den Rechner als "Werkzeug" erleben und selbst entscheiden, ob sie in der Bibliothek oder im Internet nach Informationen suchen, ob sie zum Stift oder zur Tastatur greifen, um ihre Ergebnisse festzuhalten. Dazu ist es aber nötig, frei zugängliche Rechner in jedem Klassenraum aufzustellen, anstatt sie in Computerräumen vor den Schülern zu schützen.
Positive Beispiele gibt es bereits: In Duisburg wurde mit Mitteln aus der europäischen Union das erste komplett vernetzte Grundschul-Klassenzimmer eingerichtet. Die Erstklässler sitzen an Tischen, in die ein Bildschirm eingebaut ist. Mit einem elektronischen Stift lernen sie darauf das Schreiben: Am rechten Rand des Bildschirms stehen Buchstaben, die jeweils mit einem Anlaut-Symbol versehen sind: ein Affe für das "A", ein Bär für das "B". Mit dem Stift tippen sie die Buchstaben an und ziehen sie nacheinander auf den Bildschirm. Das entstandene Wort liest ihnen der Computer gleich vor. Das sorgt für Kontrolle und hilft den ausländichsen Kindern, beim Schreiben gleich die richtige Aussprache mitzulernen. "Die Kinder gehen völlig unbefangen mit den Rechnern um und lernen schneller Lesen als nach herkömmlichen Methoden", sagt Lehrerin Claudia Tewissen. Nach einigen Monaten in der ersten Klasse fangen die Kinder an, sich gegenseitig E-Mails zu schicken.
Im Evangelisch-Stiftischen Gymnasium in Gütersloh stattet die BertelsmannStiftung ganze Klassen mit Notebooks aus, die die Schüler in jedem Fach benutzen und mit nach Hause nehmen dürfen. Sie lernen, mit der Informationsfülle des Internets umzugehen, Daten zu sichten, zu sortieren und zu bewerten. Dazu gehört auch zu merken, dass klassische Hilfsmittel wie Lexika, Wörterbücher oder gut strukturierte Lehrwerke dem chaotischen World Wide Web nicht selten überlegen sind. Die Eltern zahlen 65 Mark im Monat, damit sind Hard- und Software, Versicherung und Wartung abgegolten. Dieses Gymnasium ist eines der ersten in Deutschland, an dem ein Computer-Techniker angestellt ist - ein zukunfstweisendes Modell. Sonst verbringen einzelne Lehrer viele Stunden mit der Instandhaltung der Schulrechner: Kabel verlegen, Software installieren, Netzwerk pflegen - Zeit, die sie besser in die Fortbildung ihrer Kollegen oder in neue didaktische Konzepte investieren würden.
Am Bischöflichen Willigis-Gymnasium in Mainz, das im Netzwerk Medienschulen der Bertelsmann-Stiftung ist, hat Lehrer Wolfgang Mathea eine andere Lösung gefunden: Er hat besonders interessierte Schüler zu System-Administratoren ausgebildet, die ihm nun einen großen Teil der Arbeit abnehmen und sich selbst für Berufe in der Informationstechnologie qualifizieren. Wie aber kann man die große Zahl der anderen Jugendlichen für eine boomende Branche begeistern?
Das Wichtigste sei, meint der Kieler Naturwissenschaftler Prenzel, dass Schüler eine langfristig gute Berufsperspektive in dem Arbeitsfeld sähen. Jahrelang seien Ingenieure entlassen worden, promovierte Chemiker und Physiker hätten keine Jobs gefunden. In der Software-Branche habe es geheißen, die Programme würden in Zukunft so leicht bedienbar sein, dass man keine Informatiker mehr benötige. "Da muss man sich nicht wundern, dass Jugendliche nichttechnische Berufe wählen. Sie nehmen solche Prognosen sehr genau wahr", sagt Prenzel. Er erinnert darn, dass die Schule eine allgemein bildende Aufgabe habe und nicht die Funktion, Schüler in bestimmte Berufe zu lenken.
Die Verantwortung für den Nachwuchsmangel liegt zum Teil auch bei den Unternehmen selbst. In einer schnell wachsenden Branche und auf einem beweglichen Markt wollen manche die Bindung eines dreijährigen Ausbildungsvertrags nicht auf sich nehmen, andere scheuen den Aufwand. Der Internet-Dienstleister AOL zum Beispiel bildet grundsätzlich keine Lehrlinge aus. Im Augenblick hat das Unternehmen 70 offene Stellen.