Orbit macht Musik und erzählt Geschichten

Die Orbit/Comdex 2001 verblüfft nicht nur mit Mega und Giga. Das kleine «Forschungsdorf» i3 in Halle 5 überrascht mit einer Sammlung von Projekten, die vor allem für Kinder und Behinderte konzipiert worden sind. Darin geht es ums Lernen, Musikmachen und Erzählen. 

«Forschungsdorf» an der Orbit: Computer helfen auch beim Lernen und bei Therapien. Foto André Muelhaupt


och. Im so genannten «Forschungsdorf» der Orbit/Comdex, dem europäischen Netzwerk für «intelligent information interfaces» (i3), fällt der Publikumsaufmarsch deutlich spärlicher aus als im kommerziell ausgerichteten Teil der Fachmesse. Dafür bleibt der Besucher durchschnittlich länger und lässt sich eher über den Inhalt der einzelnen Ausstellungen aufklären. Und das ist auch nötig, denn was sich hier anbietet, sind keine alten Bekannten: kein Rechner mit noch mehr Speichervolumen, keine Kameras mit höherer Auflösung - weder Mega noch Giga.
Im Gegenteil: Manche der insgesamt 27 Projekte, die in Halle 5 zu besichtigen sind, befinden sich geradezu auf einer experimentellen Stufe ihrer Entwicklung. Und wenn die Forschungsgelder, die sie von der EU erhalten, versiegt sind, dann wird für einige der Projekte Feierabend sein. «Unsere Motivation ist nicht in erster Linie, ein kommerziell erfolgreiches Produkt auf dem Markt zu lancieren», sagt Claus Madson von der Aalborg Universität in Dänemark. Wichtiger sei der Austausch untereinander, die übergreifende Zusammenarbeit mit anderen Universitäten und Forschungsstätten. «Was hier begonnen hat, kann ganz woanders fortgeführt werden», erklärt Madson. Einer der Schwerpunkte von i3 ist das Verhältnis von Computertechnik und Lernverhalten bei Kindern. Das Projekt «Puppet» zum Beispiel zeigt in Form eines einfachen 3D-Rollenspiels, wie man durch die gezielte Steuerung von Figuren Reaktionen entlocken und diese steuern kann. Die Kuh will aus dem Gatter, der Bauer scheucht sie wieder hinein - das sind zwei verschiedene Haltungen, ohne die Zuweisung von «richtig» und «falsch». Die Kinder sollen so auf eine spielerische Art lernen, mit unterschiedlichen Haltungen umzugehen und eigene Entscheide zu treffen.
Ein anderes Projekt aus der gleichen Rubrik ist das «KidStory». Hier geht es darum, Kinder in die grundlegenden Strukturen des Geschichtenerzählens einzuweihen. Mit Hilfe einer speziellen Software und ausgestattet mit Spezialeffekten entwirft der Spieler Gegenstände oder Personen, die er - einem Zeichentrickfilm gleich - in einer selbst erfundenen Geschichte auftreten lässt. Damit lässt sich der Umgang mit zwei wesentlichen Story-Elementen erlernen: Handlung und Charakter.
Die Orbit/Comdex hat aber auch eine therapeutische Seite anzubieten. So zum Beispiel «Caress», eine spezielle Form der Musiktherapie, die mit «Sound-Strahlen» arbeitet. Die Idee von «Caress» drückt sich dadurch aus, dass die Bewegungen des Körpers als Quelle von Musik und Geräuschen gedacht werden - erfolgreich angewandt bei Menschen mit Bewegungsdefiziten. Ganz ähnlich funktioniert auch «Twi-aysi», ein Programm, das sich ebenfalls vor allem an körperlich und geistig Behinderte wendet. «Wir bemühen uns, die Welt der Elektronik auch für diese Menschen zugänglich zu machen», sagt Sprecher Tony Brooks.
Einige dieser Projekte sind bereits an Schulen oder in Krankenhäusern getestet worden. Für Interessierte lässt sich die Software auch an Ort beziehen oder aus dem Internet herunterladen. Oft bedarf es aber noch spezieller Einrichtungen. Eines davon ist das wandtafelähnliche «Active Board». Auf diesen Schirm lassen sich ganze Lehrbücher projizieren oder auch, wie mit der Kreide, mit dem Laserstift schreiben, zeichnen und das Resultat abspeichern. Zumindest bei diesem Produkt gewinnt man den Eindruck, dass es schon bald den Schritt in den Alltag, ins Klassenzimmer, schaffen könnte.




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